Lady Maud of Craigengillan, unsere Stammkuh im stolzen Alter von 15,5 Jahren mit ihrem Sohn "Trust" im November 2002 (Fotos bitte anklicken zum Vergrössern!)![]()
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Die Ankunft der Galloways am 1. Mai 1989
Lady wurde am 4.7.1987 in ihrer schottischen Heimat geboren. Ihr vollständiger Name ist "Lady Maud of Craigengillan". Der Einfachheit halber nennen wir sie "Lady" und sie scheint es uns nicht übel zu nehmen, auch wenn ihr vollständiger Name natürlich mehr Eindruck macht. Wir haben Lady im April 1989 ausgesucht, als wir mit unserer Gallowayzucht begannen. Diese Kühe waren damals sehr teuer, unser Geld reichte gerade mal für zwei Tiere, "Lady" und "Burnedge Options". Beide Kühe waren tragend, aus Schottland importiert - damals, vor der BSE-Krise, durfte man das noch - und wurden von einem Händler in der Nähe von Cloppenburg angeboten. Wir waren damals lange nicht so gut ausgestattet wie heute, um nicht zu sagen: wir waren überhaupt nicht ausgestattet! Wir mussten uns also einen Viehanhänger leihen und auch eine passendes Zugfahrzeug, denn unser PKW hatte gar keine Anhängerkupplung. Auf der Fahrt von Cloppenburg nach Hause schwitzten wir Blut und Wasser, denn es rumpelte ständig im Anhänger, und auf jedem Parkplatz und jeder Raststätte schauten wir nach dem Rechten, aber es war alles okay. Zu Hause angekommen öffneten wir auf der Weide die Anhängerklappe, beide Kühe kamen heraus, machen einmal "Muuuh" und steckten ihre Nasen ins frische Maigras. Das wars. Unsere Nachbarn hatten die Ankunft dieser knuffigen Viecher natürlich gesehen und kamen eilends herbei, diese aus der Nähe zu betrachen. Stolz nahmen wir ihre Glückwünsche entgegen. Die hatten wir auch bitter nötig, aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dass es einen Verband gibt, der einem mit Rat und Tat zur Seite steht, wussten wir nicht. Der Händler hatte davon nichts gesagt und auch sonst nichts, was man beachten muss, wenn man Rindviecher besitzt. Nunja, Hauptsache, er hatte sein Geld. Und wir, wir standen alleine da mit unserem vermutlichen Fachwissen.
Das Drama der ersten Geburt
Galloways sind robust, friedfertig und genügsam. So hatten wir es gelesen und bei einem Züchter, dessen Tiere wir uns vor unserem Einstieg in diese Tierhaltung angesehen hatten, war das anscheinend auch in der Praxis so. Nur bei unseren wollten sich diese Eigenschaften nicht so recht einstellen. Insbesondere unter "friedfertig" hatten wir uns etwas anderes vorgestellt. Gut, sie haben uns nicht angegriffen. Nie. Aber sie liessen sich auch nicht anfassen. Sie gingen einfach weg. Wenn wir näher als 3 m kamen - weg waren sie. Dabei sind sie wirklich knuffig anzuschauen und haben ein so schönes weiches zotteliges Fell, das einen praktisch zum Bürsten und Streicheln auffordert - aber dies war anfangs völlig unmöglich. Wir waren ziemlich enttäuscht. Im August bekam "Bernie", Lady's Kollegin, ihr erstes Kalb. Das war auch unser erstes Gallowaykalb - heute können wir auf 38 Geburten zurückblicken. Lady's erstes Kalb hatten wir Ende November zu erwarten. Bei unserem täglichen Besuch auf der Weide stellten wir am 15. November erste Anzeichen einer nahenden Geburt fest: geweiteter Geburtsgang und leichter Ausfluss kündigten an, dass es wohl bald losgehen könnte. Aber dann... Der Weidenachbar trieb seine Jungrinderherde zusammen, um sie in den Stall zu holen. Zufällig waren wir zu Hause und bekamen mit, dass er dabei recht brutal vorging. Eines dieser Rinder bekam es so mit der Angst, dass es aus dem Pferch ausbrach und in gestrecktem Galopp vor dem hinterherstürmendem Bauern floh. Es durchbrach mehrere Zäune und lief auf unsere Kühe zu. Auch unseren Zaun durchbrach es, die Panik übertrug sich auf unsere beiden sonst ruhigen Kühe und die kurz vor der Geburt stehende Lady rannte mit Bernie und dem Kalb wie um ihr Leben in die hinterletzte Weideecke und wieder zurück, als das fremde Rind dort ankam und dann in den Unterstand. Voller Sorge haben wir sie dort stoppen können. Das fremde Rind gesellte sich zu einer weiteren Rinderherde auf der übernächsten Weide und war vorerst von dort auch nicht wieder wegzubewegen. Als dann Ruhe eingekehrt war, liessen wir unsere Kühe wieder aus dem Unterstand und beobachteten, wie Lady erste Wehen bekam. Weiter tat sich nichts. Am nächsten Tag hatte Lady alle 2 Stunden Wehen, mittags riefen wir den Tierarzt an. Ja, er könne die Kuh natürlich untersuchen, dazu müsste sie aber festgebunden sein. Uns war es aber zu dieser Zeit unmögilch, an die Kühe heranzukommen und sie anzubinden. Also kein Tierarzt. Wir setzten uns auf die Weide und verbrachten den Nachmitag bei Lady, die jede Stunde kräftige Wehen bekam, aber kein Kalb. Was tun? Auf die Robustheit der Galloways vertrauen? Durch die Scheuheit der Tiere waren wir vorerst zum Nichtstun verurteilt. In der Nacht haben wir so gut wie nicht geschlafen. Sobald es hell wurde, waren wir am nächsten Tag bei Lady. Immer noch das gleiche Bild: Lady hat Wehen, aber nichts kommt. Dadurch, dass sie mittlerweile fast 40 Stunden Wehen hatte, war sie so geschwächt, dass sie bei einer Presswehe danieder lag und nicht sofort aufstehen konnte, als wir an sie herangingen. Das war unsere Chance zum Handeln! Schnell den Halfter um den Kopf und Lady am Baum festgebunden. Tierarzt angerufen, der nach 10 Minuten da war. Gemeinsam brachten drei erwachsene Männer und zwei Frauen ein Kalb heraus. Dieses war seit 2 Tagen tot. Dennoch Tränen der Erleichterung - und Lady ist so geschafft, dass sie eine Umarmung über sich ergehen lässt ohne aufzustehen. Zwei Stunden später steht sie auf der Weide und frisst - wie immer. Von der Versicherung des Besitzers des flüchtenden Panikrindes haben wir übrigens eine Entschädigung für das tote Kalb bekomen, denn ganz offensichtlich war dieser Stress daran schuld. Leider kein Schmerzensgeld für Lady. Mittlerweile hat dieser Bauer seine Rinder abgeschafft und wir sind hier die letzten im Dorf, die überhaupt noch Rinder halten - so wie wohl überall leider die Entwicklung ist. Speziell um diesen Bauern tut es uns allerdings nicht leid.
2. Teil
Lola, Lady's zweites Kalb
Wir
liessen 1990 beide Kühe von einem Bullen namens "Drömel"
decken, der hier in der Nähe stand und den einzigen
Gallowayzüchtern gehörte, die wir damals kannten.
Sie waren in keinem Verband Mitglied und wurschtelten so
vor sich hin.
"Drömel" durfte dort auch fleissig seine
Töchter decken, da diese Leute aber nur Fleischerzeugung
machten, war das nicht so schlimm. Immerhin war "Drömel"
ein eingetragener Zuchtbulle und das war für uns schon
wichtig, da auch unsere Kühe ordentliche Papiere hatten
und wir schon damals vorhatten, ordnungsgemäss zu züchten,
um vielleicht auch einmal Zuchttiere verkaufen zu können
und nicht nur zu schlachten. Also warteten wir gespannt
auf Ladys zweites Kalb.
Am 14.10.1990 wurde "Lola" ohne Problem geboren,
ein zartes kleines Gallowaykälbchen, fast wie ein Reh
so zart und hellbraun, mit langen schwarzen Wimpern. Lady
kümmerte sich vorbildlich um ihr erstes Kalb und wir
waren glücklich, dass es nun mit ihr geklappt hatte.
Am 2.11.1990 ging ich auf die Weide, die Tiere waren weitläufig
verstreut und Lola lag auf der Seite am Zaun. Lady weidete
in ihrer Nähe. Als ich vor Lola stand, sah ich mit
Entsetzen, dass sie tot war. Wie konnte das passieren? Sie
war einige Stunden vorher noch kerngesund, keine Anzeichen
einer Krankheit. Lady war noch nicht sehr aufgeregt, aber
als wir das Kalb wegtransportierten, war es um ihre Ruhe
geschehen. Sie schrie wohl drei Tage lang ununterbrochen,
bis sie heiser war und suchte in jeder Ecke der Weide ihr
Kalb und lief immer und immer wieder zu der Stelle, wo es
zuletzt gelegen hatte. Am zweiten Tag hatte sie Tränen
in den Augen, ob mir das nun einer glaubt oder nicht. Sie
war kreuzunglücklich. Und wir auch. Musste doch das
zweite Kalb von Bernie nun auch wieder alleine aufwachsen.
Und wir hatten uns von Lady sooo viel versprochen... Nach
fünf Tagen hatte sich Lady mit der Situation abgefunden
und war wieder normal.
Spätestens jetzt hätte sie ein "ordentlicher"
Bauer schlachten lassen, denn eine Kuh, die zwei Jahre hintereinander
kein Kalb bringt - also im Grunde nichts erwirtschaftet
- ist es in wirtschaftlicher Hinsicht nicht wert, am Leben
zu bleiben. Für mich hat aber jedes Tier ein Lebensrecht
und ohnehin entscheide ich früher oder später
über Leben und Tod meiner Tiere, also wäge ich
genau ab und sehe nicht unbedingt auf finanzielle Verluste.
Lola wurde auf unserem Grundstück begraben, wo auch
schon der erste Hund und die erste Katze begraben lagen.
Jaja, ich weiss, dass das verboten ist, aber beweist es
mir erstmal, ich kann Euch hier ja viel erzählen.
Wir liessen Lady noch einmal von "Drömel"
decken und am 2.10.91 wurde
Mona Lisa, Lady's drittes Kalb,
geboren.
"Mona Lisa" war ein richtiger Brummer, riesengross
und natürlich auch wunderschön. Sie hat selbst
drei Nachkommen bekommen: "Lady Di", "Winnipeg"
und "Willi Wacker". Die ersteren beiden sind mittlerweile
geschlachtet und "Willi Wacker" wurde von ihr
nicht angenommen, wir haben ihn mit der Flasche und dem
Eimer grossgezogen. Heute ist er ein Zuchtbulle im südöstlichen
Niedersachsen, durch seine frühkindliche Vergangenheit
leider ein wenig SEHR zahm, denn er will bei jedem auf den
Arm, obwohl er nun schon fast 5 Jahre alt ist.
Mona Lisa wurde geschlachtet, weil wir auch schon Probleme
hatten, dass sie ihre beiden ersten Kälber annahm.
Wenn man so etwas dann zum dritten Male mitmacht, dann ist
Schluss mit lustig. Aber ich wollte ja weiter von Lady erzählen.
Wieder wurde sie von Drömel gedeckt, aber etwas zeitversetzt,
da wir nun auf Frühjahrskalbung umstellen wollten und
am 7.4.1993 gebar sie einen kleinen Bullen mit Namen
Dagobert, Lady's viertes Kalb
Er sollte
unsere Hoffnungen auf einen guten Zuchtbullen nicht erfüllen
und wurde mit zweieinhalb Jahren geschlachtet. Dann liessen
wir Lady von einem anderen Bullen namens "Charlie"
decken. Aus dieser Liason
entstand am 23.3.1994
Laura, Lady's fünftes Kalb
Laura
sollte uns viel Freude machen. Schon der Zuchtinspektor
sagte über sie auf seinem alljährlichen Betriebsbesuch,
als sie gerade mal ein Jahr alt war: "Das ist aber
ein Brummer!" - Sie entwickelte sich prächtig.
Als sie zwei Jahre alt war, gaben wir uns einen Ruck und
meldeten sie zur "Schau der Besten" an, Norddeutschlands
größtem jährlichem Fleischrinder-Spektakel.
Es war schon eine Ehre für uns, überhaupt dort
angenommen zu weden. Mittlerweile besassen wir natürlich
einen eigenen Anhänger und wussten auch einigermassen,
wie man ein Tier für eine Schau vorbereitet. Nicht
nur, dass man üben muss, sie ordentlich am Halfter
gehen zu lassen, sie musste natürlich auch sauber sein.
Also holten wir Laura an den Hof und da wurde geschrubbt,
gebürstet und shamponniert. Die Tiere geniessen das
offensichtlich, wenn sie den ersten Schreck vor dem Wasser
überwunden haben. Und Laura war ja besonders zahm,
also war das kein Problem.
Nicht ganz so günstig war, dass wir Laura ganz alleine
in den Anhänger packten und kein zweites Tier mitnahmen.
Das beunruhigt eine Kuh natürlich und sie brüllte
auf dem Fleischrindertag mehr, als es sich gehört hätte.
Dadurch fielen wir erstmal auf.... - aber dann: obwohl wir
das erste Mal dort ein Tier vorstellten und alles etwas
holperig war und Laura auch nicht so super führig war
- aufgrund ihrer hervorragenden Merkmale (äußere
Erscheinung, Körperbau etc.) bekamen wir den 1. Preis
und Laura wurde im Frühjahr 1996 zum "Besten Galloway-Nachwuchsrind"
gekürt. Wir haben uns riesig gefreut und es gab uns
Auftrieb, dass Lady vielleicht doch etwas Gutes vererbt
und liess uns freudig weitermachen. Laura hat ihrerseits
3 Kälber bekommen und wurde dann allerdings krank,
sie lebt nun nicht mehr. Aber eine ihrer Töchter haben
wir noch und diese ist besonders zahm, genau wie Laura's
andere Nachkommen. Wenn man mit einem Tier einmal eine Ausstellung
besucht hat, ist es in der Regel sehr zahm und die Kälber
schauen sich das auch ab.
3. Teil
Ein weiteres Mal liessen wir Lady von Charlie decken und sie bekam am 16.4.1995 einen kleinen Bullen mit Namen
Chatanooga, Lady's sechstes Kalb
Auch
er wurde mit zweieinhalb Jahren geschlachtet. Dann gaben
die Leute, von denen wir bisher den Bullen geliehen hatte,
die Gallowayzucht auf und uns blieb nichts übrig, als
selbst einen zu kaufen. Wir entschieden uns für "Walker
vom Eichenhof", den wir dann ab 1995 als Deckbullen
bei uns einsetzten.
Am 15.4.1996 gebar "Lady" ihre Tochter
Luna, Ladys siebtes Kalb
Luna
ist heute noch bei uns und erwartet ihr fünftes Kalb.
Aber sie ist nicht so eine tolle Zuchtkuh wie es Laura gewesen
ist. Wir träumen halt immer noch von Laura...
Dann begann das Jahr 1997 für Lady und uns und dieses
Jahr sollte ein schweres Jahr werden für alle Gallowayzüchter.
Lady war tragend von "Walker vom Eichenhof" und
im Frühling 1997 sollte sie ihr zweites Kalb von diesem
Bullen bekommen.
Der Wahnsinn mit dem Rinderwahnsinn
Doch
gleich der Beginn des Jahres war von anderen Sorgen für
uns Züchter geprägt. Denn auch das Thema BSE hat
in unserem und Ladys Leben eine gravierende Rolle gespielt.
Nicht etwa, weil Lady an BSE erkrankt war, nein, sie sollte
getötet werden wie die anderen 5.899 Rinder, welche
aus Grossbritannien oder der Schweiz nach Deutschland importiert
worden waren. Allein aufgrund ihrer Herkunft sollte sie
getötet werden - wer ist denn hier wahnsinnig? Die
Ereignisse heute in eine Form zu bringen, die für den
Leser hier nicht zu lang oder zu kompliziert wird, fällt
mir schwer. Die schriftlichen Unterlagen über diese
Thematik füllen bei uns mittlerweile mehrere Aktenordner,
und was in unseren Köpfen und Herzen passiert ist,
bräuchte Stunden, um es zu erzählen. Also versuchen
wir es in Kürze:
Im Januar 1997 wurde bei einem im Dezember 1996 verendeten
Rind - es hiess "Cindy" und jeder Rinderzüchter
hat diesen Namen in Erinnerung - BSE diagnostiziert. Obwohl
es bis dahin "schon" sieben BSE-Fälle in
Deutschland gegeben hatte, galt Deutschland als "BSE-frei",
da alle betroffenen sieben Tiere Import-Tiere waren. Bis
zu diesem Januar 1997 galten amtliche Massnahmen für
die Import-Tiere wie: Registrierung, Schlacht- und Verbringungsverbot.
Nun war aber Cindy in Deutschland geboren, also kein Importtier
und dies verschärfte die Lage dramatisch: Deutschland
wollte auf keinen Fall den Status "BSE-frei" verlieren
(damit wären umfangreiche Handelsbeschränkungen
verbunden), also wurde die sogenannte BSE-Schutzverordnung
beschlossen: Alle, also keinesfalls erkrankte, sondern ALLE
Importtiere sind zu töten. Pech, dass die meisten Gallowayzüchter
davon betroffen waren, denn ausgerechnet diese hatten ja
die meisten Importtiere. Es sollte ein "Bauernopfer"
werden, die Kleinen müssen leiden, damit die Grossen
weitermachen können.
Dass wenige Jahre später BSE plötzlich vermehrt
an schwarzbunten Rindern auftrat und die Galloways kaum
noch betroffen waren, interessierte im Jahre 1997 niemand.
Man muss sich das nun mal klarmachen: Lady, kerngesund,
mit ihren 9 Jahren im besten Kuh-Alter, gefüttert ausschliesslich
mit unserem eigenen Gras. Bis heute ist mit Tierkörpermehl
verseuchtes Futter der einzige nachgewiesene Infektionsweg!
- und dieses Tier sollten wir abholen und töten lassen.
Es gab viele Gallowayzüchter, die sich der Anordnung
beugten und sich auf diese Weise ihrer nicht mehr ganz jungen
Importkühe entledigten, schliesslich gab es eine Entschädigung.
Es gab aber auch viele wie uns, die sich unsinnigen Gesetzen
nicht beugen wollten und erwirkten wie wir auch eine einstweilige
Anordnung, welche die uns zugestellte Tötungsverordnung
vorläufig ausser Kraft setzte Kostenpunkt 1.000 DM.
Mal eben so. Nun galt es kämpfen an allen Fronten -
und das für eine Kuh, der wir nicht mehr in die Augen
sehen konnten, wenn wir sie morgens fütterten und bürsteten.
Gottseidank machen nur Menschen dieses Theater, Lady wusste
von nichts - so glaubten wir - und war wie immer. War unberührt
von allem und käute wieder. Wir sollten uns aber irren.
Mit anderen betroffenen Züchtern setzten wir uns in
Verbindung, tauschten Infos und taten alles Mögliche,
um Lady am Leben zu erhalten. Die Zeit arbeitete für
uns, denn schnell war klar, dass dieser Prozess bis zum
Bundesverwaltungsgericht gehen würde, da zu viele Fakten
wissenschaftlich umstritten waren.
Die für uns zuständige Behörde tat ihre Pflicht,
d.h. sie kontrollierte in regelmässigen Abständen,
ob Lady noch da war, ob sie gesund war, einmal wurde sie
sogar fotografiert von vorne und hinten und der Seite. Ansonsten
liess uns die Behörde in Ruhe, wir haben einen guten
Draht zum hiesigen Veterinäramt und denen war diese
ganze Tötungsanordnung ohnehin auch nicht ganz geheuer.
In anderen Landkreisen war das leider anders. Da verfielen
amtliche Veterinäre in Aktionismus und holten Tiere
mit Gewalt und Polizei vom Hof.
Lady frass währenddessen genüsslich ihr Heu und
sollte nun bald ihr 8. Kalb bekommen. Es wurde April. Es
wurde Mai. Es wurde Juni - aber es tat sich nichts in Richtung
Kalbung. Wir wurden dann doch sehr stutzig.
Und dann passierte etwas, was wohl nur wenige Rinderzüchter
erleben: die Geburt einer sogenannten Steinfrucht. Anfang
Juli zeigte Lady Anzeichen einer Geburt. Sie hatte Wehen
und Ausfluß, aber keine Milch im Euter und sonderte
sich auch nicht von der Herde ab.
Wir holten den Tierarzt, sperrten Lady ein, der Tierarzt
wühlte von hinten in Lady rum und holte einen abgestorbenen
versteinerten Embryo heraus. Diese Frucht war normal gezeugt
und dann im Alter von ca. 6 Monaten abgestorben, hat sich
verkapselt und versteinert. Von Lady 13 Monate getragen
und nun endlich abgestossen.
Sicher kennt Ihr das, wenn man selbst etwas erlebt, was
man nie für möglich gehalten hätte, hört
man plötzlich noch mal davon. So ging es mir, ich las
nämlich kurz darauf in der Zeitung von einer Frau,
die wegen Bauchschmerzen in einer Klinik operiert wurde
und der man einen versteinerten 4 Monate alten Embryo rausgeholt
hat, den sie jahrelang (!!) in sich trug. Das ist ausgesprochen
selten und auch sicher kein appetitliches Thema, sich das
vorzustellen...
Lady jedenfalls überstand nach einer Penicillin-Gabe
das Ganze ohne Beeinträchtigung ihrer weiteren Fruchtbarkeit.
Wie kann so etwas passieren? Wir rechneten nach: im Alter
von 6 Monaten war der Embryo abgestorben, das war im Januar
1997...... als die Tötungsanordnung ins Haus flatterte...
kann man so etwas denn wirklich denken und glauben?? Es
gibt viele Dinge in der Natur, die wir Menschen nicht wirklich
erfassen können, das sollten wir uns immer mal wieder
klarmachen...
Wir trotzten dieser Tötungsanordnung weiterhin und
leider dauerte es noch vier Jahre bis zur Entscheidung des
Deutschen Bundesverwaltungsgerichtes, das am 15.2.2001 die
Tötungsanordnung für unrechtmässig erklärte.
Leider zu spät für die ca. 4000 Tiere, die ihr
Leben im Jahre 1997 lassen mussten, nur weil sie importiert
waren. Aber vielleicht versteht Ihr, dass wir doch eine
besondere Beziehung zu Lady haben, vier Jahre unter dem
Damokles-Schwert zu leben, schweisst Mensch und Kuh eben
zusammen!
4. Teil
Durch die Geschichte mit der Steinfrucht liessen wir Lady erst im Januar 1998 wieder von "Walker vom Eichenhof" decken und am 15.10.1998 hatte Lady ihre neunte Geburt und gebar
Lucia
Lucia
wurde innerhalb von 1,5 Stunden geboren und es war eine
völlig normale Geburt, so wie man es sich bei einer
Mutterkuh wünscht. Bei Lady hatte es nun bei ihren
neun Geburten schon drei Todesfälle gegeben und wir
waren froh, dass Lucia putzmunter war. Lady war zwar aufgeregt,
aber lieb und leckte ihr Kalb ab.
Lucia ist noch bei uns, sie ist kein Spitzen-Zuchttier geworden,
hat aber mittlerweile schon zwei recht ordentliche Bullenkälber
- Thor und Terz - bekommen. Doch zurück zu Lady, die
uns beim nächsen Mal wieder Probleme machte. Durch
unsere Erfahrungen mit ihr waren wir nun vor jeder ihrer
Geburten besonders besorgt. Mit keiner anderen Kuh unserer
Herde haben wir so viel erlebt. Am 18.3.2000 kam
Lucky, Lady's zehntes Kalb,
zur
Welt. Es war ein Samstag und wir waren gerade dabei, unsere
Küche zu renovieren.
Mein Mann kam von den Rindern und erzählte, dass Lady
wohl eine Fehlgeburt hatte. Er hätte die Nachgeburt
gefunden, das Kalb sei verschwunden und Lady würde
sich um das Kalb einer anderen Kuh bemühen und sich
benehmen, als sei dies ihr eigenes. Er sagt, er hätte
eine Stunde lang alles abgesucht, aber kein Kalb gefunden.
Erstmal wurde Kaffee getrunken und dann gingen wir mit unseren
Hunden gemeinsam noch einmal los. Da die Tiere im Winter
auf einem 10 Hektar grossen Gelände laufen und so ein
Gallowaykalb schon besonders klein ist, hatten wir grosse
Mühe. Die Hunde hatten nichts Besseres zu tun als Mäuse
auszubuddeln. Endlich, nach einer weiteren Stunde des Suchens,
sah ich etwas Schwarzes auf der Nachbarweide unter einer
Hecke liegen. Ich eilte hin und befürchtete schon das
Schlimmste. Aber als ich kurz davor stand, hob es den Kopf
und schaute mich mit seinen höchstens 6 Stunden alten
Augen an. Mein Mann nahm es auf den Arm, es wog so um die
35 kg, und trug es zu seiner Mutter. Lady griff sofort an
und stiess und trat nach dem armen kleinen Geschöpf,
das sofort wieder flüchten ging. Wir stellten uns vor,
was es die ganze Nacht schon mitgemacht hatte und dass es
deswegen so weit weg geflüchtet war. Es lief ihm auch
etwas Blut aus der Nase. Wir wussten aus unserer Erfahrung,
dass es noch eine Chance gibt, den Mutterinstinkt zu wecken.
Wir lockten Lady in den Stall und banden sie am Fressgitter
an. Das kleine Kuhkalb saugte an unseren Fingern, es hatte
Durst. Mein Mann holte die Nachgeburt mit einer Schubkarre
und wir schmierten sie auf das Kalb, was zwar den Erfolg
hatte, dass Lady es ableckte, aber immer noch nicht trinken
liess. Wir melkten die Kuh an, führten das Kalb ans
Euter, während ich die Kuh vorne bürstete, was
sie ja bekanntlich sehr mag. Es bestand aber überhaupt
noch keine Chance, das Kalb allein trinken zu lassen, Lady
gebärdete sich wie toll, sobald das Kalb an ihren Euter
wollte.
Wir mussten ihm helfen und so gingen wir alle drei Stunden
in den Stall und zwangen Lady, ihr Kalb trinken zu lassen.
Durch diesen Zeitaufwand gerieten wir mit der Renovierung
unserer Küche immer mehr in Zeitverzug - die neue Küche
sollte am Montag kommen und wir MUSSTEN bis dahin fertig
sein mit den Vorarbeiten.
Also haben wir die Nacht zum Sonntag bis morgens um 3.00
Uhr an der Küche gearbeitet und waren Sonntag früh
um 7.00 Uhr wieder auf den Beinen, um nach dem Kalb zu sehen.
Wir beschlossen, es "Lucky" zu nennen, wenn es
durchkommen sollte. Es hatte wieder etwas Blut in der Nase,
aber sah ganz munter aus und war schon darauf konditioniert,
dass es etwas zu trinken gibt, wenn wir kommen. Es ging
von Mal zu Mal besser, aber Lady musste immer noch kurz
angebunden stehen.
Am Montag kam ich morgens in den Stall, Lucky sah mich,
stand auf und ging selbständig trinken ohne dass Lady
sie daran hinderte. Lady blieb ruhig stehen, welch eine
Freude! Zur Sicherheit liessen wir sie aber noch angebunden,
allerdings nicht mehr so kurz. Nun hatten wir endlich Zeit
für unsere Küche.
Erst am Dienstag banden wir Lady los und sie benahm sich
völlig normal, wollte Lucky gegen uns und die Hunde
verteidigen, aber erst am Mittwoch liessen wir sie zurück
zur Herde. Alles war ruhig und friedlich und diese Geschichte
hatte ein gutes Ende genommen.
Lucky wurde im Jahr 2002 das erste Mal gedeckt und erwartet
in den nächsten drei Monaten ihr erstes Kalb. Sie ist
ein prächtiges Tier und lässt auf eine züchterische
Zukunft hoffen.
Lady aber bekam einen neuen Deckbullen mit Namen Taipan
und gebar von ihm am 16.4.2001 ihr elftes Kalb, den kleinen
grossen
Troll
Am Ostersonntag
begann Lady, sich von der Herde abzusondern. Wir schauten
alle paar Stunden, wann es denn nun endlich losginge. Wir
waren sehr gespannt, wie es nun dieses Mal ablaufen sollte.
Wir waren zum Kaffee eingeladen und als wir wieder heimkehrten,
war das Kalb schon da. Leider war aber Schneefall und eisiger
Wind und wir wollten die beiden gerne in den Stall bringen.
Der kleine Bulle war riesengross, das grösste Kalb,
das wir je hatten.
Stückchenweise trugen wir ihn Richtung Stall und setzten
immer wieder ab, da Lady sich wie toll gebärdete und
wir fürchten mussten, dass sie uns angreift. Nimmt
man ein Kalb auf den Arm, kann die Mutterkuh es nicht mehr
erkennen und ist die ersten Sekunden erstmal verwirrt. Das
kann man ausnutzen und immer mal ein Stück weitergehen
mit dem Tier auf dem Arm. Man muss es aber immer wieder
absetzen, sonst rennt die Kuh eventuell in eine ganz falsche
Richtung auf der Suche nach ihrem Kalb. Schließlich
erreichten wir den Stall und legten Lady für einen
Tag an die Kette, damit wir uns ohne Gefahr im Stall bewegen
konnten. "Troll" wog 43 kg und war so gross, dass
er das Euter nicht fand. Immer lutschte er am Fell und suchte
nicht weiter unten. Nach 12 Stunden hatten wir den Eindruck,
dass er immer noch nicht getrunken hat und griffen ein.
Mit viel Geduld stopften wir ihm die Zitze ins Maul, wobei
er sich ziemlich blöd anstellte! Es dauerte fast zwei
Stunden, bis er endlich richtig saugte. Aber dann trank
er nur noch, auch in den nächsten Tagen sahen wir ihn
nur noch am Euter. Und schon am nächsten Tag war "Lady"
ruhiger und wir konnten sie wieder bürsten und auch
den Kleinen anfassen, während er an seiner Mutter trank.
Troll ist noch bei uns und in seiner Altersgruppe ist er
der Zahmste geworden.
5. und letzter Teil
Ein Erlebnis mit dem Klauenpfleger
Dass
es im bisherigen Teil der Lebensgeschichte von Lady so viel
um Geburten ging, hängt damit zusammen, dass sie eine
Mutterkuh ist. Und deren Lebensinhalt ist nun mal die Geburt
und die Aufzucht von Kälbern. Natürlich gibt es
auch andere Vorfälle in einem Kuhleben und von einem
solchen besonderen Vorfall will ich nun berichten.
Einmal im Jahr brauchen wir einen Klauenpfleger, um den
älteren Rindern die Klauen schneiden zu lassen. Dies
ist leider nötig, da der natürliche Abrieb wegen
unserer weichen, teilweise moorigen Böden, die ja auch
im Winter selten hart gefroren sind, zu gering ist. Wenn
man nichts unternimmt, werden die Klauen immer länger,
im Extremfall zu regelrechten "Schnabelklauen".
Klauenpfleger sind Menschen mit landwirtschaftlichen Berufen,
die sich durch Zusatzkurse für diese Arbeit qualifiziert
haben. Es sind wie immer und überall unterschiedliche
Menschen, mehr oder weniger tierfreundlich, mehr oder weniger
"modern" ausgestattet und vor allen Dingen eine
aussterbende Spezies, da dieser Beruf nicht ungefährlich
ist, nicht viel einbringt und ausserdem die meisten Kühe
gar nicht so alt werden, dass sie überhaupt einen Klauenpfleger
benötigen.
Der erste, den wir hatten, war ein "moderner".
Wir mussten die betreffenden Kühe ans Haus holen, weil
er Starkstrom brauchte. Und zwar für seinen Kippstand,
in dem das Tier behandelt wird. Den muss man sich wie eine
Tischplatte vorstellen. Diese steht senkrecht, das Tier
wird daneben geführt und im Stehen an der Platte festgeschnallt
(an Hals, Bauch und Beinen). Dann wird die Platte langsam
um 90° in die Waagerechte gedreht (eben "gekippt"),
sodass die Kuh seitlich auf der Platte liegt und dem Klauenpfleger
die Beine entgegenstreckt. So kann dieser die Klauen bearbeiten,
ohne sich bücken zu müssen. Dieser Kippvorgang
ist sicher für Kiühe, die das gewohnt sind, nicht
so schlimm - aber für unsere Lady muss es die Hölle
gewesen sein. Für unsere Kühe ist es schon ungewöhnlich
(und daher mit Stress verbunden), angebunden zu sein - und
dann noch auf die Seite gedreht zu werden... es war der
Horror für sie. Das haben wir einmal und nie wieder
mit ihr gemacht.
Von da an holten wir immer einen Klauenpfleger mit "normalem"
Behandlungsstand. Dies ist ein stabiles Rohrgestell, die
Kuh wird hinein geführt und an Hals und Bauch festgebunden.
Seitlich kann sie nicht weg, weil dort die Rohre sind. Dann
wird ein Bein nach dem anderen hochgehoben und fixiert,
sodass der Klauenpfleger die Klauen schneiden kann. Der
Nachteil gegenüber einem Kippstand: pro Stunde können
ca. vier bis sechs Rinder behandelt werden, im Kippstand
zwölf bis fünfzehn, der Klauenpfleger muss sich
viel bücken und die Verletzungsgefahr für das
Tier ist grösser. Vorteil: Das Rind bleibt aufrecht
stehen, zwar wehren sich unsere Tiere auch meist gegen diese
Prozedur, aber der Stress ist lange nicht so gross wie beim
Kippen. Ausserdem kann man mit dem Stand auf die Weide fahren,
da kein Strom benötigt wrid.
Was die Verletzungen angeht, können sich die Tiere
die Beine aufschürfen oder sogar brechen, wenn sie
im Stand ausschlagen und gegen das Gestell treten. Oder
sie können Zerrungen und Nervenquetschungen davontragen.
Leider
erlebte Lady im Jahr 2001 eine solche Verletzung: Sie war
als Letzte der zu behandelnden Kühe an der Reihe und
stand sehr unruhig im Stand. Als das letzte Vorderbein hochgehoben
wurde, machte sie einen gewaltigen Ruck nach hinten. Sie
konnte natürlich nicht weg, weil sie am Hals angebunden
war, aber der Bauchgurt rutschte dabei sehr weit nach vorne,
also in die Achselhöhle. Lady gab dann zwar Ruhe, doch
als nach Behandlungsende das Bein losgebunden wurde, konnte
sie nicht mehr auftreten. Noch schlimmer: sie sackte vorne
ein und kam zum Liegen, als wir sie ganz losbanden und sie
aus dem Stand draussen war. Wir waren sehr besorgt und wollten
den Tierarzt rufen, doch der Klauenpfleger sagte nur: "Eine
Nervenquetschung, das gibt sich wieder". Wir dachten:
"Na, der will jetzt nur schnell nach Hause, wir haben
ja seine Adresse, falls er Mist gebaut hat..." Als
Lady abends immer noch nicht aufstehen konnte, gingen wir
zum Tierarzt und liessen uns beruhigen. Auch er hielt eine
Nervenquetschung für wahrscheinlich, die nach ein bis
zwei Tagen vorüber sei. Und tatsächlich. Am Abend
des nächsten Tages konnte Lady aufstehen und machte
ein paar torkelnde Schritte. Sie konnte das linke Vorderbein
nicht richtig gerade machen, aber am darauffolgenden Tag
war auch das vorüber und alles wieder normal.
Was
man als Kuhhalter so alles erlebt!! Seitdem achten wir darauf,
dass der Klauenpfleger zwei Bauchgurte benutzt, die miteinander
verbunden sind, damit ein solches Verrutschen nicht mehr
vorkommen kann.
Lady war zu dieser Zeit wieder tragend von Taipan und am 6.4.2002 erblickte
Trust, ihr zwölftes und letztes Kalb,
das
Licht der Welt. Die Geburt ging ohne Probleme voran. Als
wir zu Lady kamen, war der Kleine schon da und lag vor ihrem
Kopf. Sie war fleissig dabei, ihn abzulecken. Doch was war
das? Wir wussten doch, dass sie die beiden ersten Tage nach
ihren Geburten immer relativ aggressiv auf uns reagierte
und stets in Verteidungshaltung ging! Aber: sie stand nicht
auf. Oh, Gott, es sollte schon wieder Probleme geben. Wenn
Rinder festliegen nach der Geburt, kann es vielerlei Ursachen
haben, von irreparablen schlimmen Ursachen bis zu harmloseren
Ursachen. Der Tierarzt kam und wog bedenklich sein Haupt....
so eine alte Kuh und ihr 12. Kalb??? Ob die wohl je wieder
hochkommt... Soweit möglich, wurde sie untersucht und
er diagnostizierte das, was wir ohnehin schon wussten: Abwarten
und wenn sie nach zwei Tagen nicht steht, sieht es böse
aus.... Eine Kuh und übrigens auch ein Pferd dürfen
nicht so lange festliegen, denn dann zerdrücken sie
sich innere Organe. Schwerkranke Kühe oder auch Pferde
werden von Zeit zu Zeit gewendet oder stecken in Kliniken
an speziellen Haltevorrichtungen. Nun lag die Kuh also da
und frass und soff im Liegen. Der kleine Bulle suchte nach
ihrem Euter, aber natürlich nicht da auf der Erde,
wo es rumlag. Also mussten wir wieder mal eingreifen und
halfen ihm am ersten Tag alle paar Stunden auf den Knien
rutschend, dass er auch im Liegen trinken kann. Das klappte
dann, nach einem Tag hatte er begriffen, wo das seltsame
Euter war. Aber ob wir Lady überhaupt durchbringen
würden, wusste zu diesem Zeitpunkt kein Mensch. Ausserdem
mussten wir sie alle paar Stunden tränken und füttern,
also wieder mal ein ziemlicher Zeitaufwand. So ging das
zweieinhalb Tage und ab und zu versuchte sie aufzustehen,
kippte aber immer wieder weg, und am dritten Tag wussten
wir, dass etwas passieren musste. Es gibt eine spezielle
Haltevorrichtung, die kann man an dem Frontlader des Traktors
befestigen und damit die Kuh aufheben. Wenn sie dann auf
allen vier Beinen steht, macht man die Vorrichtung los und
hat eventuell Glück und das Tier bleibt stehen. Oder
auch nicht. Wir besorgten diese Vorrichtung beim Tierarzt
und riefen Freunde an, die uns helfen sollten. Diese kamen
erst einige Stunden später und als wir auf die Weide
kamen, um diese Aktion zu starten, STAND Lady auf allen
vier Beinen, zwar wackelig und zitternd, aber sie stand!!
Freude über Freude, nun war klar, dass es wieder aufwärts
geht. Wahrscheinlich hatte sie innere Hämatome oder
auch Zerrungen, die sich nach einigen Tagen besserten.
Wir trafen
die Entscheidung, sie nicht mehr decken zu lassen. Wir haben
- so glaube ich - mit Lady sehr, sehr viele Probleme erlebt
und wissen dank ihr nun eine Menge, was so in der "Robustrinderhaltung"
alles passieren kann!
Vorläufiges Ende (Januar 2003)
Nun
endet die Geschichte vorläufig und damit Lady im Sommer
2002 nicht mehr gedeckt werden konnte, haben wir etwas ziemlich
Waghalsiges probiert. Wenn wir Lady auf eine andere Weide
gebracht hätten, wäre auch ihr kleiner Sohn Trust
von seinen gleichaltrigen Brüdern getrennt worden,
die mit ihren Müttern in der Deckherde liefen. Also
haben wir eine lächerlich dünne Elektrozaun-Strippe
quer über die Weide gespannt, die Herde auf der einen
Seite und Lady mit Trust auf der anderen Seite. Die Strippe
war so hoch, dass Trust ungehindert zu seinen Brüdern
gelangen konnte und Lady fand das gar nicht aufregend, denn
er war immer in Sichtweite. Wir waren sehr gespannt, ob
das in ihren Brunstzeiten funktioniert. Es wäre für
sie oder auch für den Bullen ein leichtes gewesen,
diese Strippe einfach über den Haufen zu rennen oder
darüber zu springen. Aber wir hatten Glück. Die
Decksaison ging glatt über die Bühne, der Bulle
akzeptierte die alte Dame auf der anderen Seite, die offensichtlich
gar keine Lust mehr auf ihn hatte und während ihrer
Brunst völlig ruhig blieb.
Mittlerweile läuft sie wieder in ihrer Herde mit und
ist nach wie vor die Leitkuh (der Deckbulle verbringt sein
Leben ausserhalb der Decksaison mit den Jungbullen auf einer
anderen Weide). Leider hat sie nun Arthrose und lahmt etwas.
Noch ist es nicht besorgniserregend, denn sie läuft
mit der Herde mit, legt sich hin und steht auf, holt sich
täglich ihre Mohrrübe mit ihrem eingebohrten homöopathischen
Mittel und ist ansonsten gut drauf, aber sehr abgemagert.
Wir möchten sie behalten, so lange es irgendwie geht
und in nicht allzu ferner Zukunft wird sie auf der Weide
eingeschläfert. Dann wird diese Geschichte ihr endgültiges
Ende nehmen.
Ihr Tod und die Trennung von ihr wird uns weh tun. Das Bewusstsein
darüber bestärkt unsere Freude, die wir jetzt
noch an ihr haben - wenn Ihr einmal diesem Tier in die Augen
schauen würdet, wüsstet Ihr, was wir meinen.
Wir wissen natürlich, dass sie mit ihren ganzen Problemgeburten
und Macken nicht die optimale Mutterkuh war, jedoch hat
sie uns trotz allem eine Menge tolle Kälber und auch
viel Freude beschert. Und sie ist eine Persönlichkeit,
darum mögen wir sie, wie sie nun mal ist.
Januar 2003 / getextet von Bertram und Renate Prior
Endgültiges Ende (April 2003)
Am 3. April 2003 wurde Lady inmitten ihrer Kolleginnen vor ihrer Fressraufe liegend eingeschläfert. Wir beide und auch die Hunde waren dabei - damit alles einen ganz alltäglichen Eindruck macht. Nach wenigen ruhigen Minuten und drei tiefen Seufzern war alles vorbei. Sie hatte in der letzten Zeit zu sehr abgebaut und war nur noch Haut und Knochen. Manchmal machte sie die Herdenwanderungen zur Tränke schon nicht mehr mit. Wir haben entschieden, dass sie ihr Leben gelebt hat und ihr einen würdigen Tod gegeben. Möge sie uns auch in guter Erinnerung behalten...
Machs gut, Lady.....
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